Zu nah - zu distanziert?

Die ersten Tage als frisch gebackene Führungskraft können sich anfühlen wie eine Achterbahnfahrt. Du hast dir fest vorgenommen, alles besser und authentischer zu machen, möchtest für dein Team auf Augenhöhe erreichbar und nahbar bleiben. Doch schnell merkst du: Irgendetwas hat sich verändert. Die Stimmung in der Kaffeeküche, die Gespräche, die Blicke – plötzlich bist du nicht mehr einfach Kolleg*in wie früher.

Was passiert da eigentlich?

Der Rollenwechsel verändert Beziehungen

Schon beim morgendlichen Kaffee spürst du, dass die Dynamik anders ist. Die Kollegen, mit denen du bisher ganz entspannt geplaudert hast, ändern ihr Verhalten. Manche ziehen sich zurück, andere suchen vielleicht sogar mehr Nähe und Anteil an dir als Führungskraft.

Ein klassisches Beispiel aus dem Alltag: Früher hast du mit deiner Kollegin regelmäßig beim Mittagessen gelästert oder offen Kritik geübt. Jetzt, als ihre Führungskraft, hörst du plötzlich, wie deine Meinungen anders gewichtet werden und sich Gespräche verändern, sobald du den Raum betrittst. Plötzlich hört dir das Team nicht mehr nur als "Person", sondern als Teil der "Führung" zu.

Teamrollen: Immer Teil – und doch anders

Viele neue Führungskräfte wollen das "Wir"-Gefühl erhalten. "Ich bin weiterhin Teil des Teams. Es ist alles wie vorher, nur mit mehr Verantwortung." Leider ist das selten ganz so einfach. Das "Team Nummer 1"-Prinzip hat hier Relevanz: Deine Rolle entscheidet, welchem Team du gerade zugeordnet wirst. Im mittleren Management bist du vielleicht mit anderen Führungskräften ein eigenes Team. Gleichzeitig bleibst du Teil der Gruppe, die du führst – aber eben in neuer Funktion.

Ein Beispiel: In Meetings mit anderen Führungskräften geht es um strategische Dinge, mit deinem Team um Umsetzung. Dort, wo du gerade bist, musst du den Fokus bewusst verschieben – und das ist ungewohnt.

Augenhöhe und Hierarchie – ein Balanceakt

"Ich will auf Augenhöhe führen", sagen viele. Leider klappt das nicht einfach so, besonders in hierarchischen Organisationen. "Augenhöhe" bedeutet nicht, alle sind gleichgestellt – sondern, wie du miteinander umgehst und kommunizierst.

Ein Alltagsszenario: Du findest eine Entscheidung "von oben" blöd und willst das deinem Team ehrlich sagen. Klar, Authentizität ist wichtig. Aber was passiert?

  • Zwei Kolleg*innen finden es klasse, weil du ehrlich bist.

  • Drei sind verwirrt, was du sendest.

  • Drei denken: "Wenn nicht mal die Führungskraft dahinter steht, warum sollten wir?"

Augenhöhe ist Haltung, nicht Gleichmacherei. Du entscheidest, wie du kommunizierst – und musst wissen, aus welcher Rolle du sprichst.

Die Falle der Freundschaft

Besonders knifflig wird es, wenn du mit Teammitgliedern vorher eng oder sogar befreundet warst. Erwartungshaltungen sind plötzlich da: "Du bist jetzt Chef*in, jetzt bekomme ich vielleicht Vorteile."

Ein Beispiel: Dein alter Kumpel bittet um einen Wunschdienstplan oder ein besonderes Projekt. Wenn du jetzt Ja sagst, steht das unter zusätzlicher Beobachtung. Kannst du es so begründen, dass alle anderen das auch nachvollziehen können?
Nein? Dann wirst du vor dem Team, den Vorgesetzten und dir selbst erklären müssen, warum. Das gefährdet die Fairness und das Vertrauen.

Menschlich nah – professionell distanziert

Wie geht das: Nähe zeigen, aber trotzdem nicht zu sehr verwickelt sein? Präsenz ist wichtiger als permanente Verfügbarkeit.

Stell dir vor, ein Teammitglied kommt spontan vorbei. Du bist mitten in einer wichtigen Aufgabe. Es wäre jetzt einfach, oberflächlich zuzuhören und nebenbei weiterzuarbeiten. Echte Nähe entsteht aber, wenn du den Moment bewusst wahrnimmst:

  • Entweder du brichst ab und schenkst volle Aufmerksamkeit.

  • Oder du verschiebst das Gespräch auf später, um wirklich präsent zu sein.

Dadurch entsteht echte Verbindung – nicht durch ein rasches "Ja, erzähl schnell!".

Die professionelle Distanz zeigt sich auch im Gespräch: Du hörst zu, erkennst das Anliegen an, bleibst aber in deiner Rolle. Du reflektierst innerlich: "Was ist jetzt mein Handlungsspielraum? Bin ich gerade zu persönlich involviert oder kann ich die Entscheidung klar und fair treffen?"

Praktischer Umgang im Alltag

1-zu-1-Gespräche, Tür-und-Angel-Treffen, informelle Plaudereien – sie gehören zum Führungsalltag. Hier kannst du dich selbst fragen:

  • Bin ich gerade wirklich ganz präsent oder fühle ich mich gehetzt?

  • Berührt mich das Gesagte zu sehr persönlich, um objektiv zu entscheiden?

  • Kann ich dem Thema Zeit geben, die es verdient?

Manchmal ist es klug, darum zu bitten, nach dem Gespräch Zeit für Nachdenken zu bekommen, bevor du dich festlegst. Oder ein Gespräch bewusst zu verschieben, um neutral und klar agieren zu können.

Selbstführung als Schlüssel

Wichtig ist, die eigene Grenze zu erkennen: Das ist mein Rahmen – hier übernehme ich Verantwortung, hier bin ich fair und erklärbar. Es ist unmöglich, immer allen zu gefallen. Viel wichtiger ist, am Ende des Tages mit sich selbst im Reinen zu sein. Nähe und Distanz sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich – je nach Situation.

Drei Reflexionsfragen für deinen Führungsalltag:

  1. In welchen Situationen fühlst du dich als Führungskraft besonders hin- und hergerissen zwischen Nähe und Distanz?

  2. Wann warst du zuletzt wirklich ganz präsent in einem Gespräch mit einem Teammitglied – und wie hast du das gespürt?

  3. Wo könntest du in Zukunft bewusster entscheiden, wie viel Nähe oder Distanz eine Situation braucht?

Wenn du das vertiefen willst, melde dich hier.

Zurück
Zurück

Fair, gerecht, gleich? Warum Führung hier kein Schwarz-Weiß kennt

Weiter
Weiter

Wie viel Beziehung Führung wirklich braucht - Zwischen Nähe & Distanz